Die Gewinner*innen des IMJA Awards 2018

Beste*r Musikbusiness Journalist*in

des Jahres

Musikwoche - „25 Years MusikWoche“ 

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Text - deutsch

Laudatio für Klaus Walter // ByteFM, TAR, Diverse


Mit der Verleihung des International Music Journalism Award 2018 an Klaus Walter in der Kategorie „Deutschsprachige/r Musikjournalist*in des Jahres“ wird zu Recht ein großer, popkultureller Vermittler und Erklärer geehrt; einer, der nicht nur im vergangenen Jahr, sondern schon seit etwa vier Jahrzehnten das allgemeine Popgeschehen in seiner irren Vielfalt unermüdlich und entlang aller Frontlinien verfolgt, kommentiert, geliebt und kritisiert hat. Dass der Standort seines Schreibtischs dabei stets Frankfurt war und ist, macht die Geschichte nur noch schöner.
Walter, Jahrgang 1955, wurde in gewisser Weise sowohl zu spät als auch zu früh geboren - zu spät, zu jung, um noch ernsthaft bei den so speziellen Frankfurter 68er-Spontikreisen mit zu tun, zu früh, zu alt, um noch ein Punk der ersten Stunde zu werden. Die einen brachten später u.a. einen Außenminister hervor, die anderen u.a. die Böhsen Onkelz, alles im Dunstkreis der berühmten Batschkapp. Aber es sind die Heads aus den Zwischengenerationen, die auch im Dunstkreis noch den Überblick behalten. Im Frankfurter Spannungsfeld schlug sich Klaus Walter zu keinem bestimmten Tribe, sondern behielt sich stets eine unabhängige Position vor: die des aktiven Beobachters und Kommentators, des großen Bildes, des kleinen Details, keiner Szene als Mitglied verpflichtet, aber zu kompetent, geist- und kenntnisreich, um im Diskurs nicht respektiert und regelmäßig gehört zu werden.
Denn das ja vor allem: gehört. Klaus Walter ist natürlich nicht nur als Autor legendär, sondern, je nach Einzugsgebiet, in erster Linie auch als Stimme. Als Macher und Moderator von „Der Ball ist rund“ begleitete er im Hessischen Rundfunk fast 25 Jahre lang das popkulturelle Zeitgeschehen stets auf Höhe eben dieses Balles. Das Formulieren und Verfassen von zum Sprechen gedachten Texten erfordert ein anderes Timing, eine andere Fesseltechnik als reine Lesestücke. Von dieser Technik profitieren bis heute seine vielen packenden Kolumnen und Sendungen. Es scheint kaum eine Woche zu vergehen, in der er sich nicht zu Wort meldet (oder darum gebeten wird). Klaus Walter war und ist nicht nur „bei den Medien“, er ist selbst eine Art unabhängiges Medium, ein Deuter, ein Seher, ein Kanal - er filtert nicht nur den niemals abreißenden Strom der Erscheinungen, er gleicht sie auch ab mit den entsprechenden Diskursen. Wenn Freitags seine Rundmail kommt, mit den Themen seiner neuen Sendung, dann sind das nicht nur nützliche Musiktipps, sondern auch wichtige Hinweise auf die Baustellen gesellschaftlicher Arbeit. 
Er verrichtet diese relevante, gesellschaftliche Arbeit als Solitär. Trotz zum Teil fast ewig anmutender Engagements bei diversen Sendern, Magazinen und Zeitungen würde man ihn nie als typischen Vertreter eines bestimmten Hauses und dessen bestimmter Politik oder Schreibe betrachten. Eher als jemanden, dem für seine geschätzten Gedanken so manche Türe offensteht. Denn die Konsequenz, die er aus Pop als Gegenwartsbegleiter gezogen hat, ist das Gebot zur Aufklärung. Und das aufklärerische Potential von Pop als Prämisse der eigenen Arbeit zu nehmen heißt ja auch, die Liebe, die Dringlichkeit, den Soul nie zu verlieren. Kein kühler, emotional distanzierter Diagnostiker oder gar Zyniker zu werden. Niemals das Vertrauen zu verlieren, um im Soulboy-Jargon zu bleiben. Deshalb: Keep on keepin on, Klaus Walter! Our disco needs you. 


Für die Jury: Hans Nieswandt
 

Beste*r
Musik-
Journalist*in
des Jahres

englisch

Laudatio für Mary Anne Hobbs // BBC

Es gibt dieses Video auf ihrem YouTube Kanal über ein Interview mit Billy Bragg 2013, an dessen Ende er sich überschwänglich für das Gespräch bedankt, dass so erfreulich wenig dem üblichen “Künstler veröffentlicht Platte - Journalist fragt Fakten aus dem Info ab” - Interview zu tun gehabt hätte und dass er wohl so nicht erwartet hatte. Kurz zuvor hatte er, assistiert von Mary Anne Hobbs, das Wesen seiner Kunst auf einen einzigen Satz herunter gebrochen: “That’s how you really change the world - through romance, not politics.” Ein Gespräch das auf Augenhöhe, gut vorbereitet und mit echtem Interesse geführt wird, ist die Spezialität von Mary Ann Hobbs und wohl auch die Voraussetzung für so einen besonderen Moment. Zu diesem aufrichtigen Interesse gesellt sich bei ihr außerdem noch eine unglaubliche Begeisterungsfähigkeit, die sich auf die Künstler, die Musik oder auch ihre eigene DJ Tätigkeit beziehen kann. Man spürt das bei allem was sie tut. So geht Musikjournalismus.

Für die Jury: Frank Spilker

Beste*r
Musik-
journalist*in
des Jahres

französisch

Laudatio für Belkacem Bahlouli // Rolling Stone, France

Bei der Verleihung der International Awards of Musical Journalism konzentrierte sich die Jury darauf, sowohl stilistische als auch inhaltliche Anforderungen zu berücksichtigen. Die Qualität des Schreibens steht bei ihnen an erster Stelle, zumal Frankreich ein Land ist, in dem Musikkritik und Literatur eng miteinander verbunden sind. Wir betrachteten den journalistischen Ansatz mit seinen Grundlagen, die Relevanz des Themas in unserer Zeit, die Hierarchie und Zuverlässigkeit von Informationen und die Fähigkeit, sie über die bereits informierten Leser hinaus zu vermitteln.
Belkacem Bahlouli wurde das ganze Jahr über für seine Leitartikel in den französischen Ausgaben der Zeitschrift Rolling Stone entdeckt. Jeden Monat vertritt der Journalist die entgegengesetzte Meinung zu den folgenden Ankündigungen, die ausschließlich auf Statistiken mit Zahlen und logarithmischen Trends basieren. Im März 2018 war Belkacem Bahlouli der erste Journalist, der eine überall verbreitete Information in die richtige Perspektive rückte und damit die Behauptung in Frage stellte, Hip-Hop sei das meistgehörte musikalische genre in Frankreich. Er interpretierte verschiedene analytische Messwerte neu und zeigte damit die Gefahr von Desinformationen auf, wenn Marketing und Rohdaten in die Presse gelangen, um zuvor sorgfältig geplante Ziele zu erreichen.

Die französische Jury

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Text - deutsch

Laudatio für Juri Sternburg // "Kollegahs und Farid Bangs 'JBG3' wird hart gefeiert, ist aber vor allem problematisch" (noisey.com)

Der Mut zum selbständigen Denken und die Fähigkeit, Musik über ihre merkantile Bedeutung für den Augenblick hinaus in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen, sind im deutschen Musikjournalismus leider keine Selbstverständlichkeiten mehr. Juri Sternburgs Artikel vom 1. Dezember 2017 im „Vice“ über die Auslassungen von Farid Bang und Kollegah lange vor der skandalösen Echoverleihung legt beide Qualitäten an den Tag. Er reduziert die Texte der beiden Deutschrapper nicht auf singuläre Geschmacklosigkeit oder persönliche Entgleisungen, sondern entlarvt ihn als Teil eines systemischen Problems. Mit seiner ebenso fein- wie scharfsinnigen Analyse zeigt Juri Sternburg den Mut, sich gegen Verharmlosungstendenzen landläufiger Geschichtsauffassungen aufzulehnen. Darüber hinaus stellt er der letztlich wirkungslosen Schwarm-Empörung angesichts der vier Monate nach dem Artikel erfolgten Echoverleihung an die beiden Rapper einen emotionalen, aber sachlich fundierten, von Fakten getragenen und nicht nur von Befindlichkeiten dominierten Diskussionsbeitrag entgegen. Sternburg geht das Wagnis ein, mit seiner engagierten Meinung bis an den Rand des Erlaubten zu provozieren.

Musik ist mehr als nur Lieder. Juri Sternburg lässt ein feines Gefühl dafür erkennen, dass die Macht von Musik in ihrer Identifikationsfähigkeit liegt. Wenn mehr Musikjournalisten sich auf diesem Niveau an ambivalente Themen der Alltagskultur und ihrer Folgen einlassen würden, hätten wir in der deutschen Musikpresse – Online wie Print – endlich wieder mehr Diskurs. Journalismus ist Verantwortung. Die Preisverleihung an Juri Sternburg soll daher nicht zuletzt als Ermutigung an andere Journalisten und Blogger verstanden werden, sich in Texten über Musik wieder etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen, selbständige Denkansätze zu finden und auch unangenehme Diskussionen anzustoßen.

Für die Jury: Wolf Kampmann

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Text - englisch

Laudatio für Liz Pelly // "The Problem with Muzak: Spotify’s Bid to Remodel an Industry" (The Baffler)

Liz Pelly wirft einen Blick hinter die Kulissen von Spotify. Ihr Artikel zeigt uns, warum wir uns zu Recht wundern, dass wir plötzlich für zehn Euro im Monat oder gar kostenlos, mit einem Werbe-Jingle nach jedem dritten Song, Zugriff auf alles haben, woran wir „früher“ in unseren kühnsten Träumen nicht geglaubt hätten: Das neuste Album, das uns seit Wochen angekündigt wird, steht uns bereits am Freitag, dem Tag seines Erscheinens, zum Hören und Downloaden zur Verfügung.

Danke, schöne neue Welt! Du bedienst mich so schnell, dass ich jederzeit mitreden kann!

Pustekuchen!, verrät uns Liz Pelly in „The Problem with Muzak“, einem Text, den sie für den „systemkritischen“ US-amerikanischen „The Baffler“ geschrieben hat. Sie legt dar, dass wir gar nicht mehr hören, was wir eigentlich hören wollen. Wir sind bei Spotify den Verkaufszielen der Musikindustrie ausgesetzt, die uns hören lässt, was auf den Markt und in die Charts soll. Nichtsdestotrotz glauben wir, dass wir hören, was uns ausmacht, ganz individuell.

„Wir schaffen unseren Musikgeschmack ab“, hätte die Unterzeile zu „The Problem with Muzak“ lauten können. Das Wort „Muzak“ steht für UNbewusstes Hören von Musik. Die Überschrift des Artikels von Pelly ist zugleich eine Remineszenz an Steve Albini, den Musiker und Producer, der 1994 in seinem Artikel „The Problem with Music“ für das „Maximum Rock 'n‘ Roll“-Magazine die internen Machenschaften im Musikgeschäft zur Hochzeit des Indie-Rock enthüllte. Während sich Albini Anfang der Neunziger um die Beeinflussung von Bands durch die Musikindustrie sowie deren Ausbeutung ausließ, sorgt sich Pelly heute um uns, die Hörer.

Ohne Wut, aber dennoch wütend, erklärt Pelly das „Spotify-Problem“. Sie illustriert die Gefahr für Musiker – und die Musik selbst – eloquent, zeigt die Manipulation des Hörers durch einen Algorithmus auf und erklärt den für die Entertainmentindustrien finanziell einträglichen „Vanilla“-Faktor, den die benebelnde Musik aus dem „Chill“-Segment einbringt.

Wenn es nicht so bequem wäre, würde man nach der Lektüre dieses Textes sofort sein Spotify-Abo kündigen. Aber vielleicht holt der richtige Song aus dem Spotify-Repertoire ja sogar noch den letzten Sesselpuper auf die Straße – für seine Musik?!

Für die Jury: Susanne Baller

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Text - französisch

Laudatio für Julien Jaubert // La santé mentale: succès dans le rap américain… (Yard Media)

Dass Julien Jaubert für den "Artikel des Jahres" in die engere Wahl gezogen wurde, freut uns umso mehr, als sein Artikel in einer Zeit, in der die digitale Sphäre ihren Beitrag auf den gesamten Musiksektor erweitert und wiederherstellt, auf einem Online-Medium veröffentlicht wurde. Im Kontext aller bewerteten Einreichungen fiel uns diese Arbeit von der allerersten Lesung an durch seinen originellen und überraschenden Betrachtungswinkel auf. "Psychische Gesundheit im Hip-Hop", ein zunächst mysteriöser Titel, der [nbsp]präziser wird, wenn wir weiterlesen und sich als überaus relevant und offensichtlich erweist. Das Gefühl, noch nie einen Artikel über so einfache Themen wie "es ist nicht normal, dass ein Mensch vor Zehntausende von Menschen tritt, die ihn während eines Konzerts anschreien" gelesen zu haben. Auch wenn das Hauptaugenmerk auf Rap ausgerichtet ist, weiß Julien Jaubert sehr treffend, wie er uns daran erinnern kann, dass alle Themen, über die er spricht, Merkmale der menschlichen Natur sind und Künstler in jedem Bereich beschäftigen. Die Originalität und Großzügigkeit, die in diesem Thema vermittelt wird, zeichnet ihn aus und lässt uns glauben, dass eine wesentliche Referenz durchaus empirisch sein könnte.

Die französische Jury

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Audio - deutsch

Laudation for Visa Vie // "Clarify" (detektor.fm)

Soziale Gerechtigkeit, Bildung, Gesundheit, Gleichberechtigung, Migration, Geld, Kultur, das Leben miteinander in Gesellschaft allgemein. Das sind die großen Themen, die uns täglich beschäftigen und mit denen wir beschäftigt werden – über die Politik, über die Medien, aber auch über Gespräche in der Familie, unter Freundinnen und Freunden und mit Kolleginnen und Kollegen in der Arbeitspause. Sie sind, ob bewusst oder unbewusst, ein großer Teil unseres Alltags, unabhängig von Abstammung, Einkommen und individueller Bildung. Es sind wichtige und auch schöne Themen – wenn denn alles schön und gut laufen würde. Doch in den meisten Ländern läuft es nicht gut, weshalb wir ständig über die großen Fragen streiten müssen, manchmal bis an den Rand der Verzweiflung, bis an den Rand unserer Toleranz der Meinungsverschiedenheit.

Die großen Themen sind keine leichten Themen, sonst würde das altgediente TV-Format Talkshow auch nicht regelmäßig in Stimmen-Wirrwarr und Stellvertreter-Chaos versinken. Visa Vie geht in "Clarify" auf alle schweren Fragen ein, die unsere Gesellschaft umtreiben. Doch anstatt in großer Kontrahenten-Runde den Streit zu managen, tritt sie in Dialog mit behutsam ausgewählten Gästen aus Musik und Kultur. Dabei bringt jeder Gast eine Biografie mit, in der sich jede Hörerin und jeder Hörer irgendwo wiederfinden wird. Doch selbst wenn man mit dem Gast oberflächlich nichts gemeinsam haben sollte, wird irgendwann in den 30 Minuten einer Folge der Moment kommen, an dem man denkt: So habe ich das noch nicht gesehen, ich verstehe Menschen wie sie oder ihn jetzt besser, ich kann mich hineinversetzen. Bestenfalls überdenkt man sogar Urteile, die man schon vor langer Zeit über andere Menschen und ihre Lebensentwürfe gefällt hat.

Wie schafft Visa Vie das? Durch eine unglaublich gute Gesprächsführung, durch die richtigen Fragen zur richtigen Zeit, durch Zurückhaltung, wo sie notwendig ist. Vor allem aber durch eine Gesprächsatmosphäre, die von Ruhe, Intelligenz, Empathie und Bedachtsamkeit geprägt ist – in einer Zeit der lauten Schlagzeilen, der schnellen Meinung und immer schneller fallendem Urteil.

Der Dialog als Medium, das Gespräch von Mensch zu Mensch, bestimmt für und geteilt mit allen anderen Menschen da draußen, birgt immer noch enormes Potenzial, uns näher zusammen zu bringen. Erst recht, wenn es um die harten Themen im Leben geht. Visa Vie und "Clarify" waren vor der Bundestagswahl 2017 das beste Beispiel dafür. Dieses Format hat Vorbild-Qualität.

Für die Jury: Claus Schwartau

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Audio - englisch

Laudatio für Damon Krukowski // "Ways Of Hearing" (Showcase On Radiotopia)

Musikjournalismus im Audioformat hat einen großen Vorteil gegenüber seinem Kollegen Print. Man muss diese Melodie nicht beschreiben, die einem seit Tagen im Kopf rum spukt, man muss nicht beschreiben, wie leidenschaftlich diese oder jene Stimme oder wie druckvoll dieses oder jenes Gitarrenriff klingt – man kann all diese Dinge hörbar machen. Und das nutzt Damon Krukowski in seinem Podcast „Ways Of Hearing“ voll aus – mit Musikbeispielen, Field Recordings und Soundschnipseln. Die sechs Folgen seines Podcast platzen nur so vor kreativ und effektiv eingesetzten Sound-Elementen, und die benutzt Krukowski dazu, ein sehr komplexes Thema zu veranschaulichen: Er zeigt in „Ways Of Hearing“, wie die zunehmende Digitalisierung unsere Hörgewohnheiten verändert, formt und weiterentwickelt. Diesem Thema nimmt sich Krukowski humorvoll und persönlich an, denn er selbst hat mit seiner Band Galaxie 500 die Entwicklungen der Digitalisierung des Klangs hautnah miterlebt – und scheint als Fan des analogen, warmen 80er-Jahre-Sounds, der auch ein Markenzeichen von Galaxie 500 war, manchmal ein bisschen verwirrt von all den Begleiterscheinungen, die der kulturelle Wandel der Digitalisierung so mit sich gebracht hat. Diese Verwirrung führt bei Krukowski aber nicht zu Verbitterung, sondern viel eher zu einer Neugier, die Entwicklungen und Konsequenzen der immer stärker digitalisierten Klangwelten zu verstehen. Er fragt sich zum Beispiel, welche Auswirkungen digitaler Musikkonsum auf die Vereinsamung in der Großstadt hat, oder untersucht, ob Skype-Gespräche weniger emotional klingen als Telefongespräche. Anhand dieser kleinen Alltagsbeobachtungen schafft es Krukowski, zum Nachdenken anzuregen: über das Hören an sich und die eigenen Hörgewohnheiten. Dinge, die so alltäglich für uns sind, dass wir sie selten hinterfragen. Aber das lohnt sich. Zumindest hört man nach „Ways Of Hearing“ anders als davor - kritischer, bewusster. Und das schönste daran: Der sechs Podcast-Folgen lange Weg dorthin hat auch noch wahnsinnig Spaß gemacht.

Für die Jury: Isabelle Klein

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Multimedia - deutsch

Laudatio für Viola Funk // "Die dunkle Seite des deutschen Rap (WDR)

"Die dunkle Seite des deutschen Rap“: Multimedia, dieser Sektor kann alles oder nichts bedeuten. Aber wenn es ein Beitrag schafft, multimedial zu sein und thematisch einen enorm wichtigen Beitrag zu einem Diskurs leistet, dann kommt man im Jahre 2018 nicht um Viola Funks "Die dunkle Seite des deutschen Rap“ herum. Sie hat mit ihrer Dokumentation beide Seiten des schwierigen Diskurses "Antisemitismus im Gangster-Rap" aufgezeigt. Sowohl im Fernsehen als auch im Internet wurde der Beitrag zahlreich angeschaut, was für uns ein Indiz dafür ist, dass sie verschiedene Altersgruppen erreicht hat. 

Für die Jury: Niloufar Behradi

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Multimedia - englisch

Laudatio für Estelle Caswell // "Earworm" (Vox.Com)

Wer wirklich, wirklich etwas über Musik, lernen möchte, ohne auch nur eine Sekunde lang das unbehagliche Gefühl zu haben, zu einer drögen Unterrichtsstunde verdonnert worden zu sein, überantworte sich vertrauensvoll der Sachkunde von Estelle Caswell. In ihrer von vox.com gehosteten Serie "Earworm" analysiert und erklärt die Produzentin Songs, Sounds und Strukturen. Ihre inhaltlich wie optisch ansprechende Video-Reihe besticht vor allem mit mannigfaltigen Blickwinkeln:

Eine Folge spürt Reimstrukturen nach. Die nächste untersucht und erklärt einen bestimmten Soundeffekt. Wieder eine andere rollt die Geschichte eines Lieblingsalbums auf. Caswells Herangehensweise entpuppt sich als so facetten- und einfallsreich wie die Musik selbst. Sie teilt ihr enormes Wissen so generös mit ihrem Publikum, dass sich selbst der fachlich unbeleckteste Zuschauer am Ende jeder einzelnen Episode weit schlauer fühlt als noch kurz zuvor. Als Bonus kredenzt Estelle Caswell zu jedem Thema die passende Playlist: eine würdige Gewinnerin in der Kategorie "Multimedia".

Für die Jury: Dani Fromm

Beste Musikjournalistische Arbeit, Unter 30 Jahren

Laudatio für Salwa Houmsi // "Frauen im Pop - wo ist die Gleichberechtigung?" (Jäger&Sammler / funk)

"Frauen im Pop - wo ist die Gleichberechtigung?“: Salwa ist die Stimme, die wir im deutschen Musikjournalismus seit Jahren brauchen. Genauso wie die Musikindustrie, ist auch der Musikjournalismus strukturell von weißen Männern durchwandert. Natürlich ging es uns nicht darum hier aus Prinzip eine Frau - möglichst mit Migrationshintergrund -auszuwählen. Nein! Es ging uns darum, dass Sie stark, selbstbewusst und fast schon mit einem Understatement Themen anspricht, die für die Gegenwart und Zukunft des Musikbusiness’ entscheidend wichtig sind. 

Egal ob im Radio, in Print- und Online-Magazinen, in Videos oder in ihren Insta-Stories, sie weiß die Medien zu nutzen und erreicht auf allen Kanälen ihr interessiertes Publikum. Salwa sorgt sich nicht um die Zukunft des Musikjournalismus, sie zeigt uns mit ihrer Arbeit, wie er im Jahr 2018 funktioniert.

Für die Jury: Niloufar Behradi

Laudatio für Thomas Kiebl // "Warum ich ungerne Interviews gebe? Wegen euch!“ – Taktloss Interview – (The Message)

Allzu stark hängt Ge- oder Misslingen eines Interviews davon ab, was das Gegenüber beizutragen bereit ist. Einen Journalisten für ein Interview auszuzeichnen, erscheint deswegen stets irgendwie zweifelhaft - eigentlich. Thomas Kiebl hat sich den Preis für eine der besten musikjournalistischen Arbeiten des Jahres dennoch mit einem Interview verdient: Sein Versuch, seinen sperrigen Gesprächspartner, den deutschen Rapper-Künstler-Totalverweigerer Taktloss, zu packen zu bekommen, offenbart nicht nur eine ganze Menge über jemanden, der partout nichts über sich preisgeben will. Er gerät vor allem deswegen so elend lesenswert und unterhaltsam, weil sein Autor gleich mehrere Tugenden mitbringt:

Enormes Fachwissen trifft bei Thomas Kiebl auf glühende Liebe zur Sache. Darüber hinaus verfügt er über das notwendige Handwerkszeug, um beides für seine Leserschaft greifbar zu machen. Wir prämieren seine Unterredung mit Taktloss stellvertretend für unzählige andere seiner Texte. Jedes akribisch zusammenrecherchierte Detail verrät, wie viel Fleiß, Energie und Herzblut Kiebl auch noch in die kleinste seiner Meldungen investiert. Seine beeindruckendste Leistung besteht aber darin, die Lust an der Formulierung, an reichhaltigem, üppigen Vokabular hochleben zu lassen, ohne sich in selbstverliebtem Geschwurbel um des Schwurbelns willen zu verlieren: Bei Thomas Kiebl bleibt das Thema King.

Für die Jury: Dani

Laudatio für Julia Lorenz // "Drangsal vs. Die Nerven" (Musikexpress, Ausgabe 5 / 2018)

Auf den ersten Blick verbindet diese Musiker nicht so wahnsinnig viel. Auf der einen Seite der wütende, aufs Nötigste runtergebrochene Postpunk von Die Nerven, auf der anderen Seite Drangsals große, exzentrische Popgeste. Dass zwei der aktuell spannendsten deutschen Acts aber sehr wohl sehr viel gemeinsam haben, macht Julia Lorenz in ihrem Text schnell deutlich. Durch sie ist man dabei beim gemeinsamen Fototermin von Die Nerven und Drangsal, sie spricht sowohl mit der Band aus Esslingen als auch dem Sänger aus der Pfalz über die jeweils eigenen neuen Alben und lässt die Künstler auch übereinander sprechen. Das sorgt zum einen für eine schöne Dramaturgie, zeigt sich aber auch als idealer Aufbau, um die Verknüpfungen und die Verbundenheiten zwischen den beiden Acts herauszuarbeiten, was Lorenz auf sehr unterhaltsame und sprachlich präzise Art tut. Sie reportiert und beobachtet mit großer Detailliebe und einer guten Portion Humor, springt dann immer wieder auf die Meta-Ebene und flechtet dazwischen sehr elegant die Interview-Passagen mit Die Nerven und Drangsal ein. Und dort zeigt sich eine weitere Stärke von Lorenz: Sie schafft es, mit einer Mischung aus Einfühlungsvermögen und Schlagfertigkeit aus ihren Interview-Partnern interessante Aussagen herauszukitzeln – sowohl Die Nerven als auch Drangsal sagen im Gespräch mit Lorenz Sätze, die man sich auf Postkarten in jeder deutschen WG-Küche wünschen würde. Und sollten in diesen WGs angehende Musikjournalistinnen oder angehender Muskjournalisten wohnen, dann liegt auf dem Küchentisch hoffentlich ein Exemplar von Lorenz' Text. Denn aus dem kann man einiges lernen.

Für die Jury: Isabelle Klein