Die Gewinner*innen des IMJA Awards 2019

Beste*r Musikbusiness Journalist*in

des Jahres

Jon Chapple // IQ Magazine

"Ich bin überwältigt und fast ein wenig fassungslos, den Preis als Bester Musikbusiness Journalist 2019 zu erhalten. Es bedeutet mir viel, dass meine Freund*innen und Kolleg*innen in der internationalen Live-Musikindustrie - die Menschen, über die ich jeden Tag schreibe - die Arbeit, die wir mit IQ machen, zu schätzen wissen. Vielen Dank an alle, die sich die Zeit genommen haben, für mich abzustimmen - wir sehen uns bestimmt bald auf ein Bier bei einer Konferenz oder Veranstaltung."

Beste*r
Musik-
Journalist*in
des Jahres

deutsch

Laudatio für Juliane Liebert // Autorin & Journalistin, radioeins, regelmäßige Pop-Texte für die Süddeutsche Zeitung, swr2, Spiegel, Rolling Stone

Während ich diese Laudatio für Juliane Liebert schreibe, die heute den International Music Journalism Award 2019 in der Kategorie „Beste*r Musikjournalist*in des Jahres - Deutsch“ verliehen bekommt, habe ich Lana del Reys neues Album „Norman Fucking Rockwell!“ gehört. Den Text über das letzte Album, den Liebert für die Süddeutsche Zeitung geschrieben hat, noch im Ohr, schien mir ihr kluger Einsatz des Humors, der elegante und schnodderige Stil, der bekiffte Enthusiasmus ideal, um mich auch in einen Zustand zu versetzen, in dem man eine schwelgende aber messerscharfe und gleichzeitig nonchalante, kurze Laudatio schreiben kann. ((Und in der man am Ende alle auftretenden Personen verwechselt, Lana del Rey ist dann als Juliane Liebert verkleidet und Sprache und Musik sind schon längst übereinander hergefallen. Wir alle liegen – erschöpft aber auch ein bisschen glücklich – am Pool.))
Bis dahin war das, was hier am Ende leicht und elegant aussehen soll, ein zäher, lustiger Kampf. Anstatt mich zunächst wie in Variante #1 hysterisch oder sagen wir etwas übertrieben und gleichzeitig betont selbstverständlich zu freuen, dass Juliane Liebert diese Auszeichnung für ihre tollen, wilden und literarischen Texte bekommt, die hervorstechen, weil sie sich was trauen, mit Abschweifungen spielen, wie es Jutta Koether und Clara Drechsler in den 80ern schon mal vormachten; klug, süffig und gut lesbar sind, wie Frida Grafes legendäre Filmkritiken. Oder wie in Variante #2 kulturkritisch mit dem Lamento über die vielen langweiligen Texte im eigentlich ach so freien Genre der Musikkritik einzusteigen, um dann Juliane Lieberts Texte als eine der wenigen Ausnahmen herauszustellen. Statt sie wie in Variante #3 als deutsche und feministische Variante von Lana oh Lana zu inszenieren, zwei einfach zu einer zu machen, da beide Referenzen eher andeuten und durcheinanderwirbeln anstatt sie auszuerzählen und mit sprachlichen Bildern arbeiten, die uns in undefinierbare, fast gegensätzlich schnelle Zustände versetzen, habe ich mich entschlossen, einfach nur kurz Lieberts eigenen Ton und Stil aufzudrehen, so wie ich jetzt Lana del Rey lauter drehe.  
„Alle Dinge, die mit großem Ernst getan werden, bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit. Wichsen zum Beispiel, aber auch Buddhismus, Hochzeiten, Trennungen, Yoga, Brathähnchen. Aber ich will hier nicht über Brathähnchen sprechen, sondern über Lana Del Rey. Ich habe in den letzten Monaten viel über explodierende Wale gelesen. Ich weiß nicht, ob es dem Leser ein Begriff ist, aber angeschwemmte Wale explodieren gelegentlich, wegen der Fäulnisgase und so. Was vermutlich gut ist, denn man stelle sich vor, man wohnt in so einer Kleinstadt an der Küste, und auf einmal wird ein Vierzigtonner angeschwemmt, und wie kriegt man ihn dann weg? Manchmal bringt man Wale auch mit Sprengstoff bewusst zum Explodieren etc. etc., um das Ganze kurz zu machen: Seit jener Nacht lag Lana Del Rey an der Küste meines Herzens wie ein explodierter Wal.“ (Juliane Liebert 2014 über Lana del Reys Album Ultraviolence, in: Noisey.)
PS: Dass Liebert auch literarische Texte schreiben sollte, muss ihr übrigens, diese letzte Abschweifung sei mir noch gestattet, niemand vorschlagen. So hat sie als Teenager begonnen. Heute findet man sie, wenn man „Scheiß auf das Weltall“ googelt. Aber ich will hier nicht über das Universum sprechen, sondern einen kurzen Einblick in das geben, was Juliane Liebert, die heute u.a. für die Süddeutsche Zeitung und Der Spiegel schreibt, so treibt: mir fallen hoch konzentrierte und dennoch schön bekiffte Texte über Unika Zürn, Roland Klick, Hurensöhne aka das Schimpfen, Filme, Morrissey, Rap, Rammstein, Brigitte Kronauer, und Lana oh Lana ein.

Für die Jury: Mascha Jacobs

Beste*r
Musik-
Journalist*in
des Jahres

englisch

Laudatio für Vivien Goldman // Journalistin, Autorin & Musikerin

Mit Vivien Goldman geht der Preis für die „Beste*r Musikjournalist*in des Jahres“ mehr als verdient an eine der wichtigsten und radikalsten Akteurinnen und Pionierinnen in rebellischen Subkulturen wie Punk und Reggae in den letzten 40 Jahren. Ihre unermüdliche Arbeit für die Präsenz und Sichtbarkeit von widerständigen Frauen sowohl im Musikjournalismus als auch im Musikgeschäft kann kaum überschätzt werden, aktuell überprüfbar in ihrem feministischen Musikgeschichtsbuch „Revenge Of The She-Punks“ (Omnibus Press, 2019). Für Generationen von Autor*innen seit Mitte der 1970er Jahre war und ist sie Inspiration und Galionsfigur, ihre Arbeit hat die Welt des Pop und die Welt der Frauen im Pop ein entscheidendes Stück vorangebracht und besser gemacht.

Für die Jury: Hans Nieswandt

Beste*r
Musik-
Journalist*in
des Jahres

französisch

Laudatio for Adrien Durand // Unter anderem Les Inrockuptibles

Der freiberufliche Musikautor Adrien Durand arbeitet für mehrere französische Medien, unter anderem dem wöchentlichen Musik- und Kulturmagazin Les Inrockuptibles, in dem er ein enthusiastisches Auge auf neue Platten und Acts hat, sowie eine indeenreiche Auseinandersetzung mit der Karriere von Rock-Ikonen wie Cat Power, Freddie Mercury, Sebadoh, Stereolab uvm. anleitet. 

Die französische Jury

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Text - deutsch

Laudatio für Aida Baghernejad // Ain’t I A Human?- Kaput

Merkt euch den Namen Aida Baghernejad. Wer das sperrige Wort Intersektionalität in Regenbogenfarben glitzern lassen kann, als wäre Stuart Hall eine lesbische asiatische Frau und du ein muslimischer schwuler Typ, der den Glauben an die Kraft von popkultureller Repräsentation verloren zu haben glaubte, von dem haben wir noch einiges zu erwarten. „Aint I a Woman?“ Die fragende Überschrift, die die in London und Berlin lebende junge Autorin Aida Baghernejad von Sojouner Truth geliehen hat, weist schon die Richtung. Denn mit dieser berühmten Frage wurden 1851 die weißen Feministinnen und frühen Frauenrechtlerinnen aufgefordert, sich auch für die Rechte schwarzer Frauen einzusetzen. Wie die Lage heute aussieht und wie sich Sichtbarkeiten und Repräsentation im Pop aus einer explizit feministischen Perspektive darstellen, darum geht es in dem ausgezeichneten Text, der einem schnellen Ritt durch die Popgeschichte gleicht. Er beginnt bei Bikini Kill, macht einen Schlenker zu Stevie Wonder und Rosetta Tharpe, und galoppiert mit Nicki Minaj, Taylor Swift, Gwen Stefani, Hijabi-Frauen als YouTube Stars, Solange und Lizzo in die Jetztzeit und endet mit Erich Mühsams Aperçu: „Niemand kann frei sein, solange es nicht alle sind.“ Come on let’s go!

Für die Jury: Mascha Jacobs

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Text - englisch

Laudatio für Joshi Hardik // Music and nature- Music Plus

Manchmal sind es nicht die besonders eloquent formulierten, metaphernreichen Texte, die uns beeindrucken. Manchmal ist es eine Information, die uns überrascht, beeindruckt und – wie in diesem Fall – schockiert. Joshi Hardik hat sich in seinem Artikel „Music and nature“ für „Music plus“ die Mühe gemacht, die Ergebnisse zweier Studien auf zwei Fakten herunterzubrechen: Nie haben wir so wenig Geld für Musik ausgegeben wie heute und nie zuvor haben wir so viel Dreck damit gemacht, sie zu hören. Auch wenn sich die Plastikproduktion in der Tonträgerindustrie der USA auf weniger als ein Sechstel reduziert hat, hat sich durch Streaming die Emission von Treibhausgasen etwa verdoppelt. Damit wirkt sich das Streamen von Musik in seiner CO2-Bilanz negativer auf die Umwelt aus, als es das Produzieren von CDs, LPs und Kassetten je tat: gekühlte Server, angesteuerte Router und Wifi kosten bei jedem gestreamten Song Energie und beschleunigen den Klimawandel. Danke für diese Aufklärung, Joshi Hardik.

Für die Jury: Susanne Baller

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Text - französisch

Laudation for Robin Ecoeur //  Un peu, beaucoup, à la folie - un web-documentaire sur l'industrie musicale et la santé mentale des musiciens - Gonzaï / Racontr 

Der Gewinner des Preises für die beste musikjournalistische Arbeit des Jahres ist Robin Ecoeur, für seine Web-Dokumentation "Un peu, beaucoup, à la folie - un web-documentaire sur l'industrie musicale et la santé mentale des musiciens", veröffentlicht von Gonzaï, Pariser Webzine über Pop- und Indiekultur. 
In seinem reichhaltigen und umfangreichen Webdoc nutzt Robin Ecoeur alle Instrumente des digitalen Journalismus (Text, Video, Playlisten, Oral History), um ein marginales - aber zentrales - Thema der Popmusik anzusprechen: Wie sehr braucht die Branche Künstler*innen, um geistig beeinflusst zu werden?

Die französische Jury

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Audio - deutsch

Laudatio für Jan Kawelke & Vassili Golod // Machiavelli - Der Podcast über Rap & Politik - WDR Cosmo

Es hätte viel schiefgehen können bei dem Versuch, einen öffentlich-rechtlichen Podcast über Rap und Politik zu erfinden - aber Vassili Golod und Jan Kawelke haben Machiavelli 2018 erstaunlich souverän aufs Gleis gesetzt. Kompetent und neugierig nehmen sich die Journalisten und Moderatoren alle 14 Tage ein Thema vor, dessen politische und popkulturelle Aspekte sie mit erfreulichem Tiefgang diskutieren. Nicht vom Tonfall täuschen lassen: Ansprechhaltung und Präsentation sind locker, die jeweiligen Hintergründe aber sorgfältig recherchiert. Dass die thematische Klammer nicht überstrapaziert wird - Zusammenhänge zwischen Rap und Politik werden zwar debattiert, aber nie konstruiert -, ist ein Beispiel von vielen für den journalistischen Anspruch der zwei Protagonisten, die die Form nie über den Inhalt stellen. Machiavelli ist schlau, lehrreich und unterhaltsam und damit eine echte Bereicherung für den deutschen Podcast-Markt.

Für die Jury: Christoph Lindemann

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Audio - englisch

Laudatio für Jake Brennan // Disgraceland - Disgraceland

Wir stolpern mit der angetrunkenen Amy Winehouse über den Bürgersteig Richtung Blitzlichtgewitter, stehen neben Cardi B im Stripclub und sind bei der Verhaftung von Kurt Cobain dabei. In seinem Podcast „Disgraceland“ blättert Jake Brennan detailliert und bildhaft durch die dunklen, mysteriösen und auch brutalen Kapitel der Musikgeschichte. Im Mittelpunkt stehen Verbrechen wie Mord, Untreue, Brandstiftung, Überdosis, religiöse Kulte, Drogenhandel, bis hin zu durch die Luft geworfene Highheels.
In den inzwischen drei Staffeln werden aktuelle Themen abgehandelt, wie die Taten des zu 19 Jahren Haft verurteilten Rappers Tay-K. Aber genauso füllt die Jahrzehnte zurückliegende Verstrickung zwischen Frank Sinatra, dem Gangster-Boss Sam Giancana und John F. Kennedy eine 30-minütige Podcast-Folge.
Hörbuch-artig rollt Brennan die einzelnen Kriminalfälle auf - mit einem beeindruckenden Gespür für Dramaturgie, untermalender Sound-Produktion und vor allem mit emotionaler, bildhafter Sprache, wodurch er den*die Hörer*in mitten ins Geschehen zerrt. Dabei gelingt es Brennan durch enormes Fachwissen sogar, schon mehrfach gehörte, vertraute Musikgeschichten mit so vielen neuen Details, Hintergrundinformationen und Thesen zu unterfüttern, dass auch kein Musiknerd auf „Stopp“ drücken wird. 
Darüber hinaus schwingt in jeder „Disgraceland“-Folge stets eine Frage mit, die wir uns gerade in letzter Zeit des Öfteren stellen mussten: Lässt sich die Privatperson von der öffentlichen Künstlerpersönlichkeit trennen? 
Die Antwort bleibt uns Brennan natürlich schuldig, aber er zeigt Kausalitäten auf. Wir erfahren von Hintergrundgeschichten, die eben zu Streitigkeiten, zu Verwicklungen und auch zu berühmten Songtexten geführt haben. Sein Ziel ist dabei aber keineswegs bspw. Brutalität zu verharmlosen, sondern diese zu kontextualisieren. Damit erreicht er, dass wir wohl keine*n der einzelnen Künstler*innen je wieder unvorbelastet hören können, denn immer wird deren düstere Geschichte in unserem Hinterkopf aufploppen.

Für die Jury: Claudia Kamieth 

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Multimedia - deutsch

Laudatio für Isabel Röttger & Michael Kutscher // Rap in Buenos Aires: Duki & Co. übernehmen Argentinien - Arte/Tracks

Musikjournalismus kommt immer dann in Bestform, wenn er ein bisher unbekanntes Thema präsentiert und in einen größeren Zusammenhang stellt. Im Idealfall weckt ein Beitrag da Interesse, wo vorher nur Unwissen und Gleichgültigkeit herrschten. Isabel Röttgers und Michael Kutscher's Feature über "Rap in Buenos Aires" aus der (nicht ohne Grund hochgelobten) arte Tracks-Serie erfüllt diese Anforderungen mit Bravour. 
Aus Konzertmitschnitten, Beobachtungen rund um die Shows und vor allem aus Gesprächen mit ihren vom eigenen Erfolg überrollten Protagonist*innen entsteht ein anschauliches, lebendiges Porträt einer innovativen Szene, von der die meisten europäischen Zuschauer*innen vermutlich noch nicht einmal wussten, dass sie überhaupt existiert. 
Röttger arbeitet mit Fingerspitzengefühl vor allem die Besonderheiten des lateinamerikanischen Trap-Ablegers heraus. Die Rap-Stars Duki und Neo Pistéa, Veranstalter Ysy A oder die Produzenten von Neuen Arte reiten nämlich keineswegs nur eine aus den USA herübergeschwappte Welle. Sie sind zugleich fest in der eigenen Kultur und den eigenen Traditionen, tief im Cumbia, Salsa oder gar im dramatischen Tango verwurzelt - und sie sind allesamt blutjung, was für die Zukunft der Kunst so stark hoffen lässt wie dieser Beitrag für den Musikjournalismus: Bestform.

Für die Jury: Dani Fromm 

Beste
musikjournalis-
tische Arbeit
des Jahres

Multimedia - englisch

various journalists // website - beehy.pe

Beste 
musikjournalis-
tische Arbeit 
unter 30 Jahren

deutsch

Laudatio für Lina Burghausen // 365 Female MCs - Mona Lina

Hip Hop ist Männersache, Frauen sind im Rap unterrepräsentiert. Das ist nur logisch, es gibt ja keine tauglichen Rapperinnen. So lautet die gängige Mär - die Lina Burghausen mit "365 Female MC" per gepflegtem Arschtritt dahin befördert, wo sie hingehört: ganz, ganz tief ins Land der Legenden. 
Monat für Monat stellt sie auf ihrem Blog Rapperinnen vor, eine für jeden Tag des Jahres. Die stilistische Vielfalt, die breit gefächerten Skills und die schiere Macht, die sie da aufzeigt, sollte eigentlich jede*r Musikjournalist*in wie eine schallende Ohrfeige empfinden. All diese Künstlerinnen, teils schon seit Jahren, manche seit Jahrzehnten aktiv ... WIR hätten sie auf dem Schirm haben, hätten diesen Reichtum der musikinteressierten Welt zugänglich machen müssen.
Stattdessen stehen wir fassungslos da, staunen, was wir alles verpasst haben, und lassen uns von einer Promoterin vorführen, wie Musikjournalismus richtig geht. Wir sollten uns alle in Grund und Boden schämen. Vorher geben wir der Frau, die unseren Job um Welten besser gemacht hat als wir, aber noch den verdienten Preis. 
Obendrein schicken wir ein kleines Dankeschön raus - an Fler. Mit seiner ignoranten Bemerkung - Tenor, siehe oben, es gebe ja keine tauglichen Rapperinnen - hat er nicht nur der rappenden Frauenwelt, sondern der ganzen rapinteressierten Welt unfreiwillig einen riesigen Dienst erwiesen. Er hat Lina provoziert. Gut gemacht.

Für die Jury: Dani Fromm 

Laudatio für Malcolm Ohanwe // Wir sind zu viele: Warum deutscher Pop nicht mehr weiß bleibt - Bayerischer Rundfunk

Malcolm Ohanwes Radiosendung und Podcast „Wir sind zu viele. Warum deutscher Pop nicht mehr weiß bleibt“ behandelt die Frage, warum „Musik mit migrantischen Einflüssen“ nicht auf mehr Playlisten großer Sender vertreten ist. Der Autor nimmt damit musikwirtschaftliche und kulturelle Blickwinkel ein, ohne seinen Gegenstand, die Musik, aus dem Blick zu verlieren.
Ohanwe ergründet sein Thema als Audioformat in der Reihe Zündfunk Generator – eins der wenigen einstündigen Radioformate, das es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch gibt. Sein Feature ist audiophil, trotz unterschiedlicher Soundqualität der Interviewpassagen, mit vielen Musikbeispielen (was in Podcast-Audioformaten keinesfalls selbstverständlich ist), bietet eine große Bandbreite an Protagonist*innen aus verschiedenen Kontexten und ist in höchstem Maße subjektiv erzählt (was ebenfalls oft eine Schwierigkeit darstellt). Ohanwe klagt dabei nicht bloß an, sondern nimmt auch sich selbst gegenüber eine kritische Haltung ein, etwa hinsichtlich der Repräsentanz von Frauen, trans oder non-binary Arists im eigenen Feature.
„Wir sind zu viele. Warum deutscher Pop nicht mehr weiß bleibt“ ist eine kritische Hinterfragung des musikalischen aber auch journalistischen Mainstreams. Ohanwes Essay grenzt sich damit nicht nur von einem Großteil des gängigen Musikjournalismus ab, sondern leistet einen Beitrag zur Selbstreflexion und der Erweiterung des feuilletonistischen Tellerrands.

Für die Jury: Diviam Hoffmann 
 

Laudatio für Johann Voigt // Wer Gzuz' Realness feiert, darf bei seiner Frauenfeindlichkeit nicht weghören - Vice**

Image ist im Showbiz alles. Alles steht und fällt mit der öffentlichen Wahrnehmung von Artists. Wer es sich leisten kann, schickt Anwälte vor, wenn es brenzlich wird. Gerade wenn schwere Vorwürfe von häuslicher Gewalt aus dem Privaten in die Öffentlichkeit getragen werden. So wie bei Gzuz.
Klar. Es gilt die Unschuldsvermutung, bis das Gegenteil bewiesen wird. Doch warum musste Johann Voigts Artikel „Wer Gzuz' Realness feiert, darf bei seiner Frauenfeindlichkeit nicht weghören“ offline genommen werden? Er hat seinen Job als Journalist klar erfüllt. Argumentativ zeigt er auf, dass es auch Journalist*innen waren, die Gzuz empor gehoben haben. Sogar als Feministin hätte man vor den Vorwürfen Gzuz feiern können. „Gzuz gilt als real. Sein Wort hat Gewicht.“ so Voigt. Was ist also verkehrt daran ihn daran zu messen? Wer bestimmt, was gesagt werden darf und was nicht?
Verrückte Zeiten, in denen nicht klar ist, ob das Streben nach Wahrheit zählt oder das Geld und die Klicks. 
Die Entscheidung der Jury, diesen Text zu küren, ist als Haltung zu verstehen. Genau das, was wir brauchen, um den salonfähigen Chauvinismus und Sexismus im Rap zu begegnen.

Für die Jury: Niloufer Behradi-Ohnacker 
 

**Aufgrund rechtlicher Bedenken wurde der eingereichte/nominierte Text seitens der Herausgeber von deren Seite zurückgezogen.